Der Einfluss von KI auf kreative Tools: Ein Gespräch mit David Hoang von Replit
David Hoang, Vice President of Marketing and Design bei Replit, spricht darüber, wie KI die Zukunft von Produktdesign und -entwicklung neu gestaltet und welche Rolle sie im Team und bei den Produkten des Unternehmens spielt.
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Als Apple im Jahr 2007 das iPhone vorstellte, stand David Hoang noch am Anfang seiner Karriere. Aber bereits damals erkannte er, welches Potenzial in diesem revolutionären Gerät steckte. Sollte das iPhone Erfolgsgeschichte schreiben, dann würden die Designer der neuen Benutzeroberflächen eine neue Ära der Mensch-Computer-Interaktion einläuten. Also machte er sich zur Aufgabe, alles über die Entwicklung mobiler Apps in Erfahrung zu bringen, und ist seinem Weg seither treu geblieben. Mittlerweile blickt er auf mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Produktentwicklung zurück – von der Gründung seines eigenen Studios über seine Dozententätigkeit im Bereich UX Design bei General Assembly bis hin zur Arbeit als Director of Product Design bei Webflow. Im Rahmen seiner aktuellen Position als Vice President of Marketing and Design bei Replit, einer Plattform für Softwareentwicklung, steht er an vorderster Front, wenn es um die Art und Weise geht, wie wir Produkte herstellen. Dazu gehört auch, wie Produktentwickler*innen und Benutzer*innen von KI profitieren können.
Wir haben David in die Geschäftsstelle von Figma in New York City eingeladen, um eine Reihe von Themen an der Schnittstelle von KI, Design und Produktentwicklung mit Mihika Kapoor, einer Produktmanagerin bei Figma, zu besprechen. Im Folgenden haben wir die wichtigsten Punkte noch einmal zusammengefasst.

Wie wird KI deiner Meinung nach die Zukunft von Produktdesign und -entwicklung verändern?

Mit dem Aufkommen des Mobile-Booms sahen sich selbst die technisch Versiertesten unter uns wieder in ihre Anfänge zurückversetzt. In gewisser Weise hat der Paradigmenwechsel die Spielregeln neu geschrieben. Denn es bot sich die einmalige Gelegenheit, ein völlig neues Bedienparadigma zu erschaffen – der Traum für Designer*innen – und mit der KI verhält es sich ähnlich. Wir rücken nun unaufhaltsam in eine Welt vor, in der wir die Benutzeroberfläche nicht mehr nur mit Blick auf die Anwenderfreundlichkeit gestalten. Vielmehr folgen wir nun einem multimodalen, mehrere Formfaktoren umfassenden Ansatz, wie ich dynamische Benutzeroberflächen gerne bezeichne. Um kontrollieren zu können, wo die Reise hinführt, gilt es, unsere Instinkte nicht kontrollierne zu wollen. Das mag ein wenig beängstigend klingen, ist aber gleichzeitig auch aufregend. KI, Spatial Computing mit Apple Vision Pro und viele dieser anderen Trends verlaufen nicht parallel und somit unabhängig voneinander, sondern werden zukünftig verstärkt ineinandergreifen.

Wie wird sich KI deiner Meinung nach auf den Design- und Programmierprozess auswirken?

Ob im Bereich Programmierung oder Design – KI bietet in beider Hinsicht zahlreiche Möglichkeiten. Die beiden Disziplinen sind auf dem besten Weg, zu einer eng verwobenen Einheit zu werden. Bei Replit konzentrieren wir uns darauf, uns Kompetenzen über Artificial Developer Intelligence (ADI) aufzubauen, und nicht etwa Artificial General Intelligence (AGI). Wir möchten etwas erschaffen, das den Menschen zu mehr Autonomie und Produktivität verhilft. Dabei sind Zusammenarbeit und KI zwei Grundpfeiler unserer ADI-Strategie.
Michele Catasta, Vice President of AI bei Replit, schrieb ein Manifest über Artificial Developer Intelligence: „Mit der Zeit wird die Replit ADI Agenten hervorbringen, die in der Lage sind, komplexe Softwarearchitekturen zu entwickeln, indem sie sowohl Programmcode generieren als auch modernste Softwaretools arrangieren, die von Replit entwickelt und eingesetzt werden.“

Gibt es einige Beispiele, wie Menschen mit ADI arbeiten können?

ADI bietet jede Menge Vorteile – ob in puncto Programmcode-Vervollständigung oder -Generierung, organisatorischer Intelligenz oder Analyse und Optimierung von Teamarbeit. Ich habe Replit immer als die Umgebung gesehen, auf der alles aufbaut, und das scheint heute auch bei vielen angekommen zu sein. Zu sehen, dass sich das Programmieren zunehmend größerer Beliebtheit erfreut, ist großartig. Allerdings gilt es, herauszufinden, wie wir uns schneller neue Kenntnisse aneignen und dem Markt zur Verfügung stellen, ein Unternehmen aufbauen oder eine Idee verwirklichen, und das in so kurzer Zeit wie möglich.
Letztlich hat Priyaa Kalyanaraman, eine der Entwicklerinnen von Replit, im nicht-technischen Teil eines Hackathons mithilfe von Replit und KI eine Plattform entwickelt, die Dokumenten durch animierte GIFs, leichte, lockere Sprache und Text-to-Speech mehr Persönlichkeit verleiht. Die KI hat 100 % des Programmcodes geschrieben. Nachdem sie als Siegerin des Hackathon hervorging, gründete Priyaa ihr Start-up Lica und erhielt eine Förderung für ihre Idee.

Gibt es bei Replit ein spezielles Team oder mehrere Teams, die sich mit KI beschäftigen?

Wir haben ein eigenes zentralisiertes KI-Team für unser großes Sprachmodell aufgestellt, das wir durch Forschungen zur Produktentwicklung weiter ausbauen wollen. Dieses Team hilft uns auch zu verstehen, was für die Endnutzer*innen beim Einsatz von KI wichtig ist. Dennoch ist uns allen noch nicht wirklich klar, welche Rolle KI in den unterschiedlichen Arbeitsbereichen konkret spielen wird.

Wie viele deiner täglichen Aufgaben sind experimentell und wie viele klar definiert, wenn es um die Ziele der Produktentwicklung geht?

Im Bereich APIs und Dienste können wir nicht zu experimentell sein. Und auch die Entwicklung eines Sprachmodells wird noch mehr Zeit in Anspruch nehmen. Wir müssen dafür sorgen, dass diesen Aspekten angemessen und durchdacht Rechnung getragen wird und dass sie skalierbar sind. Bei der Benutzeroberfläche gibt es Raum für Experimente, denn ich glaube nicht, dass das Bedienparadigma schon ausreichend definiert ist. Ein großer Teil der Arbeit besteht darin, darüber nachzudenken, wie das Paradigma aussehen wird und wie die Menschen darauf reagieren werden.

Macht KI die Arbeit von Designer*innen überflüssig?

In Anbetracht des aktuellen Arbeitsmarktes und der Dinge, die durch KI automatisiert werden können, ist verständlich, dass Designer*innen bangen, künftig nicht mehr gebraucht zu werden. Ich bin jedoch der Überzeugung, dass Designer*innen immer gefragt sein werden, denn das Designen selbst wird dadurch nicht aussterben. Wir müssen uns nur vor Augen halten, dass die Aufgaben von Designer*innen nicht mehr dem entsprechen werden, was wir heute kennen. Die Welt des Produktdesigns wird sich verändern und weiterentwickeln. Daher sollten wir Neuerungen aufgeschlossen gegenüberstehen.
In Anbetracht des aktuellen Arbeitsmarktes und der Dinge, die durch KI automatisiert werden können, ist verständlich, dass Designer*innen bangen, künftig nicht mehr gebraucht zu werden. Ich bin jedoch der Überzeugung, dass Designer*innen immer gefragt sein werden, denn das Designen selbst wird dadurch nicht aussterben.

Welche Rolle werden Designer*innen deiner Meinung nach bei dieser KI-Revolution spielen?

Wenn die technologiegestützte Automatisierung die Oberhand gewinnt, sind oft mehr kritisches Denken und Kreativität gefragt, um zu überlegen, was als Nächstes kommt. Das ist eine spannende Sache für Designer*innen. Wir bei Replit haben das Gefühl, aktiv dazu beitragen und mitgestalten zu können, welche Formen KI annehmen wird. Ich bin sicher, dass das Figma-Team da ähnlich denkt. Ich höre oftmals, dass viele denken, Kenntnisse in KI seien ein Muss, um nicht zurückzufallen. Meine übliche Antwort ist: „Als Designer*innen sind wir doch buchstäblich dafür gemacht.“ Die Entwicklung von KI ist nichts anderes als Systemdesign. Wir sind bestens mit der Materie vertraut und müssen es nur auf eine andere technologische Herausforderung anwenden und wirklich in dieses Thema einsteigen.

Was rätst du Designer*innen, die in den Bereich KI einsteigen wollen, aber nicht genau wissen, wo sie anfangen sollen?
Als es darum ging, FigJam mit neuen KI-Funktionen auszustatten, konzentrierte sich das Figma-Team darauf, die Elemente eines guten FigJam-Whiteboards zu definieren. Diese wurden dann zu Grundprinzipien zusammengefasst, die verschiedensten Nutzerbedürfnissen gerecht wurden.

Als Designer*innen müssen wir uns Zeit nehmen, um mit Produkten zu experimentieren und zu erkennen, welche KI-Anwendungsfälle gut sind und bei welchen Produkten KI nur eine zweitrangige Rolle spielt. Es geht darum, von Grund auf zu verstehen, was KI verbessern, automatisieren und ersetzen kann. Dabei wird es noch wichtiger sein, dass die Menschen dort einen Beitrag leisten, wo KI es nicht kann. Die Hürde für KI ist nicht der technologische Fortschritt, sondern die Fähigkeit der Menschen, neue Verhaltensweisen zu erlernen und zu übernehmen. Selbst das innovativste Produkt hat keinen Wert und wird sich nicht durchsetzen, wenn die Menschen und Unternehmen es nicht annehmen.

Wirkt sich eure ADI-Strategie darauf aus, wie ihr euer Designteam führt oder Personal einstellt?

Bei Replit haben wir schon immer großen Wert darauf gelegt, multidisziplinäre Designer*innen ins Boot zu holen, die die benötigte technische Tiefe beherrschen, um Software zu entwickeln und der Welt zur Verfügung zu stellen. Wofür normalerweise drei bis fünf Expert*innen aus verschiedenen Disziplinen erforderlich sind, braucht es bei uns nur ein*n Designer*in – ob es darum geht, zu programmieren, Prototypen zu erstellen, Pull Requests zu prüfen, Modultests durchzuführen, Forschungssitzungen zu moderieren oder Workshops zu leiten. Auch unsere Produktmanager*innen und Entwickler*innen haben ein gutes Auge für Design und sind sehr designorientiert.

Wie gelingt es dir, auf einer Technologie wie der KI aufzubauen, die sich so rasant weiterentwickelt?

Um mit den Veränderungen Schritt zu halten, ist die beste Strategie, sich anzupassen und sich ein tiefes Verständnis anzueignen. Wer viel online unterwegs ist, kann leicht ein Hochstaplersyndrom entwickeln, weil sich alles so überwältigend anfühlt und jeder seine Meinung zum Besten gibt. In Wirklichkeit aber wurden die Spielregeln neu geschrieben, was bedeutet, dass wir viel herumexperimentieren müssen. Wir wissen noch nicht, was sich letztlich durchsetzen wird.

Was ist deiner Meinung nach das Besondere an der Replit-Community?

Es gibt Menschen, die gehen die Anleitung Schritt für Schritt durch. Ich gehöre nicht dazu, ich beschäftige mich einfach damit und finde es heraus. Daher ist es für jemanden wie mich wichtig, andere dort abzuholen, wo sie sich auf ihrer Lernreise befinden. Wir wollen Dinge erschaffen und auf den Markt bringen – und das am liebsten noch heute Abend. Und wir wollen es richtig machen. Das ist etwas, was Figma uns vorlebt: Man hat das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein; das richtige Verhältnis aus Verantwortlichkeit und Spaß. Es ist dieser Gemeinschaftssinn, der uns antreibt und zur Höchstform auflaufen lässt. Das ist es, was die Motivation zum Lernen aufrechterhält.
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