Emotionen sind der neue Wettbewerbsvorteil


Bei der Flut an Apps reicht Funktionalität allein nicht mehr aus. Es ist Zeit, emotionale Resonanz zum festen Bestandteil der Roadmap zu machen.
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Hero-Illustration von Zoey Kim
Als Analyst habe ich den Großteil meiner Karriere damit verbracht, Trends in der Techwelt zu erforschen und einzuordnen – mit einem objektiven Blick fürs große Ganze. Jetzt, da ich Vater von zwei Kindern unter vier Jahren bin, habe ich ein neues Verständnis dafür, was Technologie wirklich wirkungsvoll macht. Obwohl ich Technologie beruflich begeistert nutze, bin ich mit dem festen Vorsatz in die Elternschaft gestartet, die Bildschirmzeit für meine Kinder so stark wie möglich zu begrenzen, in der Hoffnung auf eine Kindheit voller draußen spielen und der einzigartigen Freude am Sich-Langweilen. Dieser Wunsch war nicht unbegründet: Es gibt unzählige Studien, die zu Vorsicht bei Bildschirmzeit raten. Und keine Analystin mit Selbstachtung ignoriert Daten.
Doch als unser zweites Kind zur Welt kam, entwickelte ich eine differenziertere Sichtweise, die tiefer geht: Es geht nicht um die erlaubte Bildschirmzeit, sondern darum, wie Technologie echte Momente des Staunens und der Verbindung schaffen kann. Je mehr ich sehe, wie Technologie die angeborene Kreativität und Neugier meiner Kinder weckt, desto mehr bin ich überzeugt: Nicht Funktionen, sondern emotionale Resonanz ist der neue Wettbewerbsvorteil von Software. Das entscheidende Merkmal einer App wird nicht ihre Funktionalität sein, sondern wie sie sich für die Nutzer anfühlt.
Es geht nicht um die erlaubte Bildschirmzeit, sondern darum, wie Technologie echte Momente des Staunens und der Verbindung schaffen kann.
Wenn meine dreijährige Tochter ihr iPad einschaltet und Pok Pok öffnet – eine Sammlung digitaler „Spielzeuge“, die zum kreativen Spielen und Lernen anregen – zaubert schon das kleine „boop boop boop“-Geräusch beim Öffnen mir jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht. Die Figuren machen „ah!“ und „oh“-Laute, die meiner Tochter kleine Lacher entlocken. Selbst wenn sie die App nicht nutzt, machen wir draußen gemeinsam unsere Dino-Schritte nach, inklusive „bum bum“ aus der App. Ähnlich geht’s uns mit ihrem Yoto, einem kleinen Musik- und Hörspielgerät mit begleitender App und schönen, roten, abgerundeten Knöpfen, die genau den richtigen Widerstand beim Drehen und Drücken bieten. Es klingt vielleicht absurd, aber genau diese Details machen beide Geräte zu einem lohnenswerten Erlebnis. In diesen Momenten denke ich nicht über Bildschirmzeit nach. Ich freue mich einfach, dass sie entdeckt und sich begeistert.
Inzwischen geht’s mir mit vielen Apps, die ich täglich nutze, ähnlich. Zwischen Arbeit, Kita-Bringdiensten, verlorenen Kuscheltieren und zwei kleinen Kindern, die irgendwie satt werden sollen, bleibt wenig Zeit für Sport. Wenn ich mein Aktivitätsziel erreiche und der Ring auf meiner Apple Watch sich mit einem kleinen Summen schließt, gibt mir das die Gewissheit, dass ich trotz allem auf mich geachtet habe. In dieser Realität erinnert mich Technologie daran, dass jeder kleine Fortschritt zählt. Vielleicht hast du ähnliche Momente in deinem Leben: Ein Swipe und Match in einer Dating-App, ein Lacher oder Herz auf deine Nachricht – oder die kleine Animation, wenn du dein Fitnessziel erreichst. Vielleicht ist es der Text in einer Nachricht, der klar und direkt erklärt, wie du dein Konto nach einem Datenleck absichern kannst. Oder sogar das „Aufgabe erledigt“ -Häkchen, wenn du etwas auf deiner To-Do-Liste erledigt hast. In solchen Momenten ist es wahrscheinlich egal, ob eine App die längste Feature-Liste hat. Entscheidend sind die Designentscheidungen: klare Texte, schöne Animationen, beruhigende Töne, haptisches Feedback.
Vielleicht weißt du das intuitiv. Aber all den Apps, die Trost und Freude spenden, stehen unzählige gegenüber, die gar nichts in uns auslösen… außer vielleicht Frustration. Oft besteht eine Diskrepanz zwischen der emotionalen Wirkung, die Apps in unserem Alltag entfalten können – Freude, Leichtigkeit, Geborgenheit – und der Art, wie wir in unseren Produkt-Roadmaps darüber nachdenken. Denn als Produktentwickler*in ist es schwer, eine immaterielle Erfahrung zu priorisieren, wenn konkrete Feature-Requests und User-Feedback auf dich einprasseln. Trotzdem hast du vielleicht schon einmal versucht, das Argument zu machen: Dass emotionale Resonanz genauso wichtig ist wie Funktionalität.
Jetzt gibt es einen neuen Beleg, den du dafür nutzen kannst: Laut IDC wird es bis 2028 doppelt so viele Apps geben wie 2024. (Dass ich die Freude meiner Kinder direkt mit einem IDC-Report verknüpft habe, liegt wohl daran: Man kann den Analysten aus dem Büro holen – aber nicht aus dem Vater.) Wir stehen kurz vor einer regelrechten Funktions-Explosion – von uns entwickelt oder für uns entwickelt. Heißt konkret: Feature-getriebene Wettbewerbsvorteile greifen nicht mehr. Wenn dein Team nicht bewusst emotionale Reaktionen gestaltet, wird jemand anderes eure Funktionalität schneller und günstiger kopieren. Dazu gehört auch, die tiefen Ängste, Wünsche und Motivationen der Nutzer*innen zu verstehen. Dinge, die sich oft nur außerhalb des Screens zeigen.
Allein die Aussicht auf so viel neue Software kann bei deinen Kolleg*innen schon eine emotionale Reaktion auslösen – etwa die Angst, angesichts der wachsenden Konkurrenz den Anschluss zu verlieren. Genau deshalb ist jetzt der Moment, um mit den neuen Daten zu argumentieren: Resonanz gehört auf die Roadmap.

Sechs große Ideen, die im Figma-Office die Runde machen – aus der Perspektive von Entwickler*innen, Designer*innen, Analyst*innen, Texter*innen, PMs und vielseitig talentierten Generalist*innen. Hier ein Blick auf das, was uns 2025 beschäftigt.



