Es gibt eine neue Welle kleiner, handgefertigter Websites, die der aktuellen Entwicklung des Internets etwas entgegensetzen. Dabei zu sein ist so einfach, wie eine eigene Website zu erstellen.
Raum schaffen für ein handgemachtes Web teilen
Hero-Illustration von Zoey Kim
Ich nutze das Internet als Medium für meine Kunst. Von YouTube-Kommentaren unter Liebesliedern bis hin zu einem Desktop voller Browserfenster stelle ich mir immer wieder neu vor, was das Internet sein kann. Wenn ich Webseiten zeige, die ich erstellt habe, sagen viele: „Ich wünschte, das Web wäre so.“ Diese Reaktionen irritieren mich: Ich habe eine Website gerade erst erstellt, und das Web ist immer noch sehr persönlich, poetisch und ausdrucksstark. Man muss nur wissen, wo man suchen muss.
Bevor das Internet kommerzialisiert wurde, war es persönlicher. 1994 konnte sich jeder mit GeoCities einen 2-MB-großen digitalen Raum sichern. Es gab zahlreiche handgemachte und oft amateurhafte Webseiten, die thematisch in „Nachbarschaften“ organisiert waren – wie etwa das Napa Valley für Weinliebhaber*innen bis Silicon Valley für Technikbegeisterte. Zu Spitzenzeiten hostete GeoCities 38 Millionen Webseiten. Eine Website war ein Ort, den du gestalten und mit anderen teilen konntest – dein eigener digitaler Raum.
Heute gibt es mehr Websites als je zuvor, und doch fühlt sich das Internet enger an. Neue Tools haben das Web zwar demokratisiert, aber auch glattgebügelt. Die unperfekte, handgemachte Ästhetik ist Effizienz gewichen, Social-Media-Plattformen haben Amateur-Websites ersetzt. Viele passen sich diesen Vorgaben an und zensieren sich selbst – was der Schriftsteller und Unternehmer Yancey Strickler den „dunklen Wald“ des Internets nennt, wo echter Ausdruck der Selbstzensur und der Angst vor Beurteilung weicht.
Doch an manchen Orten lebt das persönliche Web weiter. Neocities wurde 2013 gegründet, um GeoCities-Websites zu archivieren. Jetzt bietet es kostenlose Hosting-Dienste an und führt damit das Erbe der nicht mehr existierenden Plattform fort. In den letzten zwei Jahren ist es auf fast eine Million Websites angewachsen. Institutionen wie Rhizome, das Center for Net Art und die School for Poetic Computation fördern Internetkunst mit Ausstellungen und Workshops. Bewegungen wie DWeb, die maßgeblich vom Internet Archive unterstützt werden, arbeiten daran, das Internet dezentraler zu gestalten – ein Web, das wirklich uns allen gehört.
Wenn du ein persönlicheres Internet willst, gibt es einen einfachen Weg: Bau deine eigene Website. Viele scheuen davor zurück, weil eine Website oft als Portfolio, Blog oder Visitenkarte verstanden wird – als etwas Ganzes, Perfektes. Wir schränken das Web als Medium ein, wenn wir erwarten, dass eine Website eine Vielzahl von Bedürfnissen erfüllen oder überhaupt eine Funktion haben muss. Eine Website muss nichts „leisten“. Selbst die relativ harmlose Idee einer Startseite übt einen unangemessenen Druck auf eine Website aus, umfassend und unveränderlich zu sein: Eine Website muss für niemanden eine feste, dauerhafte Anlaufstelle sein. Dabei kann eine Website auch ein Raum sein, der sich verändert und wächst – kein festes Ziel, sondern ein Teil einer gemeinsamen Umgebung. Statt uns dem Gleichförmigen anzupassen, können wir das Internet nutzen, um etwas zu erschaffen, das wirklich persönlich ist.
Was wäre, wenn wir eine Website nicht als etwas betrachten würden, das einer Million Menschen gerecht werden muss? Was wäre, wenn es stattdessen Millionen von Websites gäbe, die alle von einer einzigen Person von Hand erstellt wurden?
Deine Website kann alles sein: Sie kann Jahre bestehen oder nur ein paar Tage. Sie kann sich einem einzigen Thema widmen oder ein wildes Sammelsurium sein. Sie kann technisch sein – mit Code und Diagrammen – oder poetisch und verspielt. Sie kann sich an eine gesamte Community oder an eine einzelne geliebte Person richten. Was wäre, wenn wir eine Website nicht als etwas betrachten würden, das einer Million Menschen gerecht werden muss? Was wäre, wenn es stattdessen Millionen von Websites gäbe, die alle von einer einzigen Person von Hand erstellt wurden? Zusätzlich zu den obigen Beispielen, hier ein paar Denkanstöße für ein Web jenseits der Norm:
- Eine Website, die nicht immer aktiv ist:Online-Bereiche könnten, ähnlich wie ihre realen Gegenstücke, von zeitlichen Einschränkungen profitieren. Zum Beispiel schließt die Website des Kamerageschäfts B&H an religiösen Feiertagen, ebenso wie die stationären Geschäfte. Eine Reihe von Websites, die ich erstellt habe, Cloudwatching und Stargazing, sind nur tagsüber bzw. nachts zugänglich. Websites können auch ein festgelegtes Ablaufdatum haben. Experimente wie der Internet Stoop waren für kurze 12 Stunden online, und Reddits Metaspiel „The Button“ endete nach zwei Monaten und fünf Tagen, als der Button 60 Sekunden lang ungedrückt blieb. Schließlich hält online nichts ewig – Domainnamen müssen erneuert werden, und die Ressourcen für die Wartung sind begrenzt.
- Eine schwer auffindbare Website: Websites, die man erst mühsam finden muss, sind eine besondere Belohnung. Nehmen wir das browserbasierte Videospiel Black Room von Cassie McQuater, das unter einer absichtlich unleserlichen URL gehostet wird. Oder den YouTube-Aggregator Default Filename TV, der Heimvideos anzeigt, die direkt von Kameras hochgeladen wurden, ohne dass die Dateien umbenannt werden. Wenn soziale Plattformen und Suchmaschinen algorithmische Optimierung und eindeutige Markenbildung bevorzugen, kann Unauffälligkeit zur eigenen Verbreitungstaktik werden. Diese Schätze entdeckt man nur, indem man im Internet surft und von Link zu Link springt; sie warten darauf, von der richtigen Person gefunden zu werden.
- Eine Website ohne Besitzer*in: Ähnlich wie bei der Idee von Abandonware, also Software, die von ihrem Hersteller nicht mehr beachtet wird, können Websites von ihren Macher*innen getrennt und als fiktionale Tools genutzt werden. Geheimnisvolle Links führen in alternative Realitäten oder laden Besucher*innen dazu ein, eigene Geschichten hineinzulesen. Die Website des Internet-Künstler-Duos JODI, die seit 1995 existiert, ist ein hypnotisierendes Labyrinth aus ASCII-Landschaften, durch das du stundenlang wandern kannst. Tausende von Mitwirkenden helfen bei der Erstellung der SCP Foundation, die sich als Wiki für eine fiktive Organisation zur Abwehr paranormaler Bedrohungen präsentiert. Ähnlich fordert das Spiel Neurocracy den Benutzer auf, im Jahr 2049 in einer fiktiven Wikipedia einen Mordfall zu lösen.
Sobald wir unsere festgefahrenen Vorstellungen davon loslassen, was eine Website sein muss, eröffnen sich neue Möglichkeiten. Lass uns unsere Werkzeuge nutzen, um die Grenzen des Webs immer weiter auszutesten. So entsteht eine kreativere, offenere Umgebung, in der wir uns unser digitales Selbstbestimmungsrecht zurückholen – und Software als kunstvolles Handwerk neu denken. Was wäre, wenn wir uns nicht auf einige wenige, monolithische Websites konzentrieren, sondern viele, stärker personalisierte Websites besuchen würden? Wir sollten die entlegensten Winkel des Webs erkunden und unsere Freund*innen dazu einladen, mitzumachen. Denn am Ende sind wir das Internet. Und nur wir können das Web erschaffen, das wir uns wünschen.

Sechs große Ideen, die im Figma-Office die Runde machen – aus der Perspektive von Entwickler*innen, Designer*innen, Analyst*innen, Texter*innen, PMs und vielseitig talentierten Generalist*innen. Hier ein Blick auf das, was uns 2025 beschäftigt.
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