Die Zukunft der Designsysteme ist kompliziert

Wir haben mit verschiedenen Branchenexpert*innen darüber gesprochen, wie sie die Designsysteme der Zukunft aufbauen – von der Nutzung spezifischer Tools über Automatisierung bis hin zur Barrierefreiheit
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Als Google 2014 sein Material Design-System auf den Markt brachte, diente Papier als Metapher. Digitale Elemente wurden wie Papierstapel auf einem Schreibtisch angeordnet, um den Nutzer*innen eine intuitive Navigation und Sortierung von Informationen zu ermöglichen. „Material hat Oberflächen und Kanten. Fugen und Schattierungen definieren greifbare Elemente“, so VP of Design Matías Duarte. Damals war Material nur eines von vielen neuen digitalen Designsystemen, die in den frühen 2010er-Jahren aufkamen. Diese Systeme berücksichtigten die visuellen und technologischen Fähigkeiten der Nutzer*innen. Die Zeiten, in denen haptische Nachbildungen zur Orientierung erforderlich waren, um die Menschen zu begleiten, sind allerdings lange vorbei. Die Menschen haben gelernt, die digitale Umgebung visuell zu erfassen und zu verstehen.

Fast ein Jahrzehnt später hat Google die Papier-Metapher hinter sich gelassen und nennt die breiter aufgestellte IT-Landschaft als Grund für diesen Wandel. Mit anderen Worten: Die Menschen brauchen keine visuelle Metapher mehr. Unser kollektives Verständnis und unsere Erwartungen hinsichtlich der Navigation durch digitale Erlebniswelten sind größer geworden und damit auch die Komplexität der Erfahrungen, die unsere Designsysteme abbilden müssen – neue Formfaktoren, Hindernisse, Zugriffsstandards und Erwartungen bezüglich der Leistung. Und zu all dem kommen gewisse Erwartungen an ästhetische Innovation und das Schaffen spannender Erlebnisse.
Zwei Jahre nachdem Apple sich vom Skeuomorphismus (der Nachahmung realer Formen) abwandte, ersetzte Instagram sein dreidimensionales Kamera-Symbol durch ein flaches Design mit Farbverläufen. Diese ästhetische Veränderung reflektierte auch eine Verschiebung in den Unternehmensprioritäten: Instagram hatte sich längst über eine reine Fotografie-App hinaus entwickelt. In den folgenden Jahren erweiterte die App ihre Funktionen um Features wie Entdecken, gesponserte Inhalte und Partnerschaften, verbesserten Zugriff und Shopping. Solch breitgefächerte Anwendungsfälle sind heute die Norm. Nur noch selten bietet eine App nur eines dieser Elemente (ein Extrembeispiel ist die App für alles, WeChat.) Moderne Apps müssen immer mehr leisten. Genauso müssen auch die Nutzer*innen – und ihre vielfältigen Bedürfnisse – als zunehmend anspruchsvoller und komplexer betrachtet werden.
„Designs sind heute komplizierter und erfordern häufig die Zusammenarbeit großer Teams in mehreren vernetzten Systemen“, so Figma Product Manager Jacob Miller in seinem Essay Taking cues from code (Von Code inspirieren lassen). „Deswegen sind effektivere Lösungen für die Organisation und Sinngebung dieser Prozesse so wichtig.“ Es ist weiterhin unerlässlich, dass Design- und Entwicklungsteams zusammenarbeiten und innovative Ansätze entwickeln, um den hohen Anforderungen der Nutzer*innen gerecht zu werden.
Chaos mit Struktur bekämpfen
Jacob Miller beobachtet einen Trend hin zu strukturgebenden Lösungen, die das Chaos in Designprozessen minimieren. Design-Teams adaptieren Prozesse und Frameworks, die an gängige Vorgehensweisen in der Programmierung angelehnt sind. Branching und Merging (Aufteilen und Zusammenführen), ein Workflow, der in der Softwareentwicklung häufig zum Einsatz kommt, gewinnt auch in der Welt der Designsysteme an Beliebtheit. Diese Methode erlaubt es Teams, mit ihren Communities zusammenzuarbeiten, indem sie es den Mitwirkenden die Arbeit an isolierten Teilbereichen ermöglicht, ohne dabei Auswirkungen auf das Hauptsystem zu haben. Alle Mitwirkenden können Fehlerbehebungen einreichen oder neue Komponenten vorschlagen. Anschließend überprüfen die Verantwortlichen für das Designsystem diese Änderungen, bevor sie in das Hauptsystem integriert werden.
Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Seite zu offenen Designsystemen auf DesignSystems.com in diesem Jahr mit verschiedenen neuen System aktualisiert.
Encore von Spotify sieht Abzweigungen in so genannten lokalen Systemen, die auf einem übergeordneten System aufbauen. Diese Methodik ermöglichte die Entwicklung von einer Reihe innovativer Videoplayer durch das Ads-Team, die nun als Basis für den Videoansatz über alle Plattformen hinweg dienen und dem Designsystem-Teams von Spotify mehr Einfluss gibt. Andere Unternehmen und Freiberufler*innen stellen ihre Designsysteme offen zur Verfügung, sodass Interessierte an Designs weiterarbeiten oder bestehende Designs replizieren können. „Open-Source-Systeme sind ideal, um Feedback von einer Vielzahl von Nutzer*innen zu erhalten“, erklärt Louise Macfadyen, ehemalige Design Advocate im Google Material Design-Team. „Sie helfen nicht nur, das Produkt zu demystifizieren und den Ruf der Organisation zu steigern, sondern fördern durch den Austausch von Fachwissen auch das Vertrauen in die gesamte Branche.“
Zu starr? Lockere die Zügel
Die großflächige Anwendung eines Systems birgt allerdings auch Herausforderungen. Wenn ein System zu restriktiv gestaltet ist, schränkt es die Kreativität im Designprozess ein. Designer*innen, die sich durch ihr Designsystem limitiert sehen, beklagen oft einen Mangel an Freiheit und Experimentiermöglichkeiten. „Unsere Designsysteme sollten den kreativen Ausdruck fördern und nicht hemmen“, betont Miller.
Shopify-Designer José Torre schlägt vor: „Statt Designsysteme wie Architektur zu betrachten, sollten wir sie eher als Gärten sehen.“ In der Architektur werden alle Details im Voraus geplant und dann umgesetzt. „Gärtner*innen hingegen säen Samen und pflegen ihre Pflanzen. Sie wissen, was sie gesät haben, aber nicht genau, wie der Garten letztendlich aussehen wird. Sie beobachten das Wachstum und greifen ein, wenn Unkraut entfernt oder Änderungen vorgenommen werden müssen.“ Genauso wie eine Pflanze sich unerwartet entwickeln kann, so kann auch eine Schaltfläche oder ein Menü in einem sorgfältig geplanten Designsystem entstehen und anders genutzt werden, als zuerst gedacht. Manche Entwürfe blühen vielleicht nie auf oder benötigen andere Bedingungen, um zu gedeihen. Die Gärtner*innen – in diesem Fall die Designsystem-Manager*innen – sind dazu da, notwendige Anpassungen umzusetzen.
Unterkomponenten oder verschachtelte Komponenten – modulare Einheiten, die individuell an spezifische Anforderungen angepasst werden können – bieten eine Alternative zum begrenzten atomaren Designmodell. Matthew Ström, Product Design Manager bei Stripe, bewertet sie als Teil eines Paradigmenwechsels hin zu einem „funktionalen Modell“ von Designsystemen. In diesem Modell entsprechen Unterkomponenten genauer den Aktionen, die sie ausführen sollen, wie klicken, tippen, eingeben, suchen. „Unterkomponenten eröffnen Möglichkeiten für Anpassbarkeit und Effizienz, die über die objektorientierten Designsysteme hinausgehen, die wir in den letzten zehn Jahren entwickelt haben“, erklärt Ström. Sie ermöglichen es Produktteams, auch für eine ungewisse Zukunft zu planen. „Es braucht nicht das eine ultimative Menü, das für die nächsten Jahre Bestand haben kann. Stattdessen lassen sich Unterkomponenten nach Bedarf und gemäß den Systemregeln kombinieren. Und das funktioniert einfach.“

Ein weiterer Vorteil verschachtelter Komponenten: mehr Daten. Mehr Variablen bedeuten mehr Metadaten, wodurch die Designsystem-Manager*innen mehr Informationen über die Verwendung der Komponenten erhalten. Diese Informationen könnten zukünftig als Grundlage für neue Anwendungen dienen, wie etwa einer KI, die neue Komponenten basierend auf existierenden Mustern kreiert. Kurzfristig bieten diese Daten eine zusätzliche Möglichkeit für Teams, den Erfolg oder die Mängel ihrer Systeme zu bewerten. Und das ist gut, denn diese Systeme entwickeln sich weiter, und Teams werden neue Möglichkeiten finden müssen, um sicher weiterhin Bestand zu haben.
Ein Gleichgewicht finden
Es ist gar nicht so einfach, das richtige Maß an Struktur in einem Designsystem zu finden. Einschränkungen können kreativer Anstoß sein und gut strukturierte Systeme können die Effizienz von Designs steigern. Der Wunsch, verschiedene Aspekte eines Systems zu standardisieren, ist verständlich. Und wenn alles hinterfragt wird, wie wird ein Designsystem dann jemals fertig? Wie können Designer*innen und Entwickler*innen einem System vertrauen, das nicht konstant bleibt? Mit Blick in die Zukunft stellt sich die Frage, wie Teams ein Gleichgewicht zwischen Struktur und Flexibilität finden und beides optimieren können.
Durch regelmäßige Reviews und Evaluierungen bleiben Designsysteme funktional, während sie gleichzeitig auf zukünftige Anforderungen vorbereitet werden können – auch wenn schwer zu sagen ist, wie diese genau aussehen werden. Wie bei jedem erfolgreichen Produkt sollten Designsysteme Probleme adressieren und ein klar definiertes Ziel verfolgen. Das Etablieren einer Kultur oder eines Prozesses, der es den Beteiligten ermöglicht, Ideen, Feedback und sogar Komponenten beizusteuern, erlaubt es Designsystem-Teams, ihren Einfluss kontinuierlich zu erweitern. Miller fordert Designsystem-Teams auf, ihre Systeme wie Produkte zu behandeln und aktiv mit den Nutzer*innen über deren Bedürfnisse zu kommunizieren. Die wertvollsten Einsichten gewinnen sie dabei von den Menschen, die die Systeme tatsächlich verwenden.



